Abschied von Susanne
Liebe Susanne,
du hast meine bisherigen vier Jahre bei querstadtein sehr geprägt. Mein erstes Projekt war unsere Ausstellung „Mitten unter uns. Wohnungslose Frauen*in Berlin“ als Teil von BERLIN GLOBAL zu Perspektiven auf weibliche Wohnungslosigkeit, für das ich dich gewonnen hatte. Und nun kommt der Zeitpunkt, um dir alles Gute für deinen weiteren Weg zu wünschen.
Das Interview mit dir, Ende 2022, hatte mich sehr berührt. Auf der einen Seite habe ich dich als eine sehr beeindruckende, starke Frau erlebt, auf der anderen Seite als sehr verletzt, verletzlich und mit einem starken Gefühl von Scham. Diese erste Zusammenarbeit war der Anfang unserer gemeinsamen Zeit, in der ich dich aufblühen sehen durfte.
Du wurdest zu einer starken Protagonistin unserer Ausstellung und verkörperst ihren Titel „Mitten unter uns“ nahezu perfekt – kaum vorstellbar erscheint es, dass jemand mit deinem Auftreten und deinem Hintergrund von Wohnungslosigkeit betroffen sein könnte. Und dennoch zeigt es: Wohnungslosigkeit ist kein Randthema. Das großformatige Foto von dir, das in der Neuen Nationalgalerie entstanden ist, war strahlend schön und zeigte schon eine ganz andere Susanne.
Danach machten wir uns an die gemeinsame Erarbeitung deines Stadtrundgangs den Ku’Damm entlang, dein alter Kiez. Dies verlangte dir einiges ab, vom Ablegen der Zweifel, ob du etwas Interessantes beizutragen hättest, bis zur herausfordernden Aufgabe, vor Gruppen und zu deiner Geschichte zu stehen. Und auch von uns erforderte die Zusammenarbeit das eine oder andere an Geduld und manchmal auch Nerven, was sich in jeder Hinsicht gelohnt hat.
Du hast dich zu einer souveränen Stadtführerin und politischen Bildnerin entwickelt. Ob offene Einblicke in deine Wohnungslosigkeitserfahrung, Informationen zum Kiez rund um den Ku’Damm und zu Kunst, scharfsinnigen Beobachtungen, unterhaltsamen Anekdoten und Entertainment-Faktor – hier werden alle Erwartungen erfüllt.
Im Laufe der Zeit durften wir dich auch als wortgewaltige Teilnehmerin von Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen erleben, ob im Humboldt Forum zusammen mit Professorin Susanne Gerull oder bei einem Barrikadengespräch der HU Berlin mit Andrej Holm und Katja Kipping, ebenfalls eindrucksvoll im Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur. Du hast dich zeitgleich bei UfO – der Union für Obdachlosenrechte Berlin engagiert und bist in vielerlei Hinsicht über dich hinausgewachsen.
Und dann, um es kurz zu fassen, hast du dir viele weitere positive Veränderungen erarbeitet und in dein Leben gelassen: Du hast eine eigene Wohnung gefunden, hast geheiratet und wirst wegen der Liebe Berlin verlassen. All das schien undenkbar, als wir uns kennengelernt haben. Und so werden wir dich, wenn du Anfang Mai gehst, mit einem weinenden und einem lachenden Auge verabschieden. Wir sind unheimlich stolz auf dich, Susanne! Du wirst immer ein Teil von querstadtein bleiben. Ob digital, bei Besuchen oder im Herzen.
Deine Jennifer